Selbstmitgefühl
Selbstmitgefühl ist die Fähigkeit, sich selbst mit derselben Freundlichkeit, Verständnis und Unterstützung zu begegnen, die man einer guten Freundin oder einem guten Freund in Not entgegenbringen würde. Das Konzept wurde von der Forscherin Kristin Neff klinisch formalisiert, die drei Komponenten identifizierte: (1) Freundlichkeit sich selbst gegenüber — statt scharfer Selbstkritik; (2) geteilte Menschlichkeit — die Erkenntnis, dass Leiden Teil der menschlichen Erfahrung ist und weder isoliert noch beschämend; (3) Achtsamkeit — emotionale Ausgeglichenheit bewahren, ohne das Leiden zu unterdrücken oder zu übertreiben.
Bei Depression ist scharfe Selbstkritik eines der größten Hindernisse für Behandlung und Genesung. „Ich bin schwach", „ich sollte mich zusammenreißen", „ich habe keinen Grund, so zu sein" sind Gedanken, die das Leiden aufrechterhalten und verstärken. Selbstmitgefühl ist kein Selbstmitleid und keine Herabsetzung der eigenen Ansprüche — Studien zeigen, dass selbstmitfühlende Menschen widerstandsfähiger, motivierter zur Veränderung und eher bereit sind, Hilfe zu suchen.
Auf Selbstmitgefühl basierende Interventionen (MSC — Mindful Self-Compassion) verfügen über wachsende Evidenz bei Depression, insbesondere in Kombination mit KVT und ACT.
Praktisches Beispiel
Als Roberto spürte, dass die Depression zurückkehrte, hatte er den Impuls, sich hart zu kritisieren: „Schon wieder diese Schwäche, ich muss mich zusammenreißen." Sein Therapeut schlug eine Alternative vor: „Wie würdest du mit einem Freund sprechen, der so leidet?" Roberto merkte, dass er zu diesem Freund freundlich wäre — und übte dieselbe Freundlichkeit sich selbst gegenüber.
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