Theory of Mind (Theorie des Geistes)
Theory of Mind (ToM) ist die Fähigkeit zu verstehen, dass andere Menschen Überzeugungen, Wünsche, Absichten und Perspektiven haben, die sich von den eigenen unterscheiden — abzuleiten, was im „Kopf" anderer vorgeht. Sie ermöglicht es zu verstehen, dass jemand eine falsche Überzeugung haben kann, dass Absichten Verhalten motivieren und dass andere Menschen die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln sehen.
Die Hypothese, dass autistische Menschen Schwierigkeiten mit der Theory of Mind haben, wurde 1985 von Simon Baron-Cohen, Alan Leslie und Uta Frith aufgestellt. Spätere Forschung zeigte, dass der Zusammenhang komplexer ist: Viele autistische Menschen entwickeln eine Theory of Mind — insbesondere für explizite Aufgaben —, jedoch auf andere Weise oder langsamer. Das Problem liegt möglicherweise eher in der impliziten, schnellen Verarbeitung sozialer Informationen als in einer grundsätzlichen Unfähigkeit.
Kritik am ToM-Konzept im Kontext von Autismus: Das von Damian Milton vorgeschlagene „Doppelte-Empathie-Problem" geht davon aus, dass die Schwierigkeit gegenseitigen Verständnisses zweiseitig ist — auch neurotypische Menschen haben Schwierigkeiten, autistische Perspektiven zu verstehen.
💡 Praktisches Beispiel
Beim klassischen „Test der falschen Überzeugung": Joana legt eine Praline in eine Schachtel und verlässt den Raum. Pedro kommt herein und legt die Praline woandershin. Wo wird Joana nach der Praline suchen, wenn sie zurückkommt? Die meisten Vierjährigen antworten richtig (dort, wo Joana sie hingelegt hat). Autistische Kinder antworten häufig danach, wo sich die Praline gerade tatsächlich befindet — nicht nach Joanas Perspektive (ihrer falschen Überzeugung).
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