Wirkt sich ADHS auf das Selbstwertgefühl aus?
Sehr stark. Jahre voller Kritik, wahrgenommener Misserfolge und dem Gefühl, „anders" zu sein, formen eine negative innere Erzählung. Viele Erwachsene mit ADHS kommen mit chronisch geringem Selbstwertgefühl zur Diagnose — die dabei helfen kann, diese Erzählung neu zu deuten.
Die Auswirkung von ADHS auf das Selbstwertgefühl wird selten thematisiert, ist aber zentral. Wer mit unerkanntem ADHS aufwächst — oder diagnostiziert wird, aber ohne passende Unterstützung bleibt — sammelt häufig:
— Jahre voller Kritik von Eltern, Lehrkräften und Gleichaltrigen wegen Verhaltensweisen, die nicht kontrollierbar waren — eine Geschichte von Leistungen unter dem wahrgenommenen Potenzial („ist intelligent, strengt sich aber nicht an") — wiederholte Schwierigkeiten in Situationen, die anderen leichtfallen — das ständige Gefühl, sich selbst und andere zu enttäuschen — ungünstige Vergleiche mit Geschwistern, Mitschülern oder Maßstäben, die das ADHS-Gehirn einfach nicht auf dieselbe Weise erreicht
Das Ergebnis ist häufig eine innere Erzählung von „ich bin unzuverlässig / faul / dumm / unfähig", die bis ins Erwachsenenalter fortbesteht.
Die Diagnose als Wendepunkt: Viele Menschen beschreiben die ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter als einschneidend für das Selbstwertgefühl — nicht weil sie die Schwierigkeiten löst, sondern weil sie Jahre voller Misserfolge in einem neuen Licht erscheinen lässt. „Es war keine Faulheit — es war ADHS" ermöglicht es, die eigene Geschichte umzudeuten und sich selbst gegenüber mitfühlender zu werden.
Über die Diagnose hinaus sind Therapie mit Fokus auf Selbstwert und Identität, Selbsthilfegruppen mit anderen Erwachsenen mit ADHS sowie Psychoedukation (verstehen, wie ADHS funktioniert) zentrale Bausteine dieses Prozesses.
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